Die Corona-Krise ist wie ein Brennglas für die Bildungsungerechtigkeit in Baden-Württemberg

Die Corona-Krise trifft sozial benachteiligte Familien und ihre Kinder besonders heftig. Nach der dritten Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina hat „im Bildungsbereich […] die Krise zum massiven Rückgang der Betreuungs-, Lehr- und Lernleistungen sowie zur Verschärfung sozialer Ungleichheit geführt“. Denn durch die Schließung von Schulen und Kitas vergrößern sich, wie unter einem Brennglas, die vorher bereits etablierten Ungleichheiten: „In der Krise zeigt sich noch deutlicher: Die Herkunft entscheidet. Wo es vorher nicht gelaufen ist, läuft es jetzt erst recht nicht. Je jünger die Kinder, desto weniger helfen digitale Mittel – und desto mehr fehlt die Schule“, so die Süddeutsche Zeitung.

Schüler*innen gezielt fördern, die im Homeschooling benachteiligt waren

In Baden-Württemberg wurden Mitte März Schulen, Kitas und Jugendhäuser aus Gründen des Infektions- und Gesundheitsschutzes geschlossen. Seit 27. April wird eine erweiterte Notbetreuung für Kinder angeboten, der Schulbetrieb läuft seit dem 4. Mai eingeschränkt und stufenweise an. Dabei sollen auch die Schüler*innen der weiterführenden Schulen gezielt gefördert werden, die durch ihre soziale Situation im Homeschooling benachteiligt waren. Lehrende entscheiden darüber, wer zu dieser Gruppe gehört und vor Ort in kleinen Gruppen betreut wird. Mittlerweile steht der Fahrplan für die weitere Öffnung des Schul- und Kitabetriebs, es ist eine Kombination aus Präsenz- und Fernlernunterricht.

Aus Sicht von MACH DICH STARK ist es zentral, dass gezielt die Schüler*innen in den Blick genommen werden, die beim Lernen zuhause nicht erreicht wurden. Denn die aktuellen Einschränkungen in den Bildungsrechten verstärken in vielen Fällen die vorherrschende Bildungsungleichheit. Es lassen sich bereits Unterschiede in der infrastrukturellen Ausstattung der Schulen und den digitalen Kompetenzen der Lehrenden feststellen. Auch fehlt es an einem geeinten Verständnis darüber, wie der Online-Unterricht und -Kontakt gestaltet werden soll – das gefährdet massiv eine flächendeckende Bildungsqualität.

Dies wird durch unterschiedliche sozio-ökonomische Verhältnisse zuhause verstärkt: Viele von Armut betroffene oder bedrohte Familien können ihren Kindern nicht die ausreichende Infrastruktur zur Verfügung stellen, die für das Homeschooling notwendig ist. Dazu gehören PCs, Tablets oder gar ein Internetanschluss – gerade für Familien im Leistungsbezug ist dies ein großes Problem. Zudem beeinträchtigen die räumliche Enge in oft zu kleinen Wohnungen und familiäre Konflikte das Lernen. Viele Eltern können ihre Kinder zuhause kaum bis gar nicht unterstützen oder motivieren. Ihnen fehlte es durch die berufliche Situation an Zeit oder sie sind aufgrund der eigenen Bildungsbiografie überfordert.

Schule vermittelt nicht nur Bildung

Der Präsenzunterricht vor Ort ist auch deswegen so wichtig, weil Schule nicht nur Bildung vermittelt. Sie übernimmt für Schüler*innen auch eine externe Versorgungsstruktur, etwa durch das kostenfreien Mittagessen. Auch hat sie eine wichtige Schutzfunktion: Für viele junge Menschen, gerade aus sozial benachteiligten Familien, ist Schule ein Ort der Sicherheit und Unterstützung durch Freunde und pädagogisches Fachkräfte.

Wir von MACH DICH STARK fordern, dass die Landesregierung Baden-Württemberg nicht alles dem Entscheidungsspielraum vor Ort überlasst. Dem strukturellen Problem der Bildungsungerechtigkeit muss eine landespolitische Antwort gegenübergestellt werden. So bedarf es verbindlichen Mindestanforderungen, die Homeschooling erfüllen muss sowie eine landesweit konkrete Verständigung darüber, wie sozial benachteiligte Kinder einen besseren Zugang zu den Lerninhalten – auch durch digitales Lernen – bekommen. Die Ankündigung, dass das Kultusministerium in den Sommerferien freiwillige Lern- und Förderangebote macht, reicht hier nicht aus. Mit der technischen Grundausstattung ist es nicht getan – benachteiligte Kinder brauchen auch konkrete Ansprechpartner, die sie beim Homeschooling begleiten.   

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Julia Zeilinger

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