Öffnung von Bildungseinrichtungen: fahrlässig oder notwendig?

Kinder stehen in den öffentlichen Diskussionen rund um die Corona-Pandemie häufig im Fokus als Akteure im Infektionsgeschehen: als sogenannte „Virenschleudern“, „Virentreiber“ oder auch als „Virenbremser“. So hatten prominent die Studien des Charité-Virologen Christian Drosten zum Corona-Infektionsrisiko von Kindern viel Aufsehen erregt. Erste Ergebnisse einer Studie von vier Universitätskliniken in Baden-Württemberg präsentieren, dass Kinder bis 10 Jahre seltener an COVID-19 erkranken und durch den Virus infiziert werden. Darauf stützt sich die Landesregierung BW für ihre politischen Entscheidungen zur weiteren Öffnung von Bildungseinrichtungen. Dabei bleibt klar, dass auch bei jungen Menschen eine Corona-Infektion deutliche gesundheitliche Risiken und Schäden mit sich bringen kann.

Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Pandemie-Zeiten

Gleichzeitig ist es wichtig, die Lebenslage Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Pandemie-Zeiten breiter zu betrachten als den Infektionsschutz. Die familiären Belastungen, insbesondere in der Zeit des lockdowns und des ausgeprägten social distancings, waren vielschichtig und haben sich gegenseitig bedingt, wie die Positionierung der Liga der freien Wohlfahrtspflege aufzeigt: weitgehende soziale Isolation von Familien, Stresssituationen der Eltern durch Mehrfachbelastungen im Homeoffice, Homeschooling und häuslicher Enge, Sorgen und finanzielle Einschränkungen aufgrund von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit, familiäre Konflikte und Suchtverhalten, Wegfall oder Einschränkung von sozialen Kontakten und familiären Unterstützungs- und Hilfeangeboten, etc. All dies hat das Risiko erhöht, dass eine gute gemeinsame Alltagsbewältigung und Erziehung der Kinder erschwert oder verhindert wird. So zeigt sich in der Corona-Krise wie unter einem Brennglas, dass diejenigen Familien, die auch vor der Krise von Benachteiligungen betroffen waren und weniger Ressourcen nutzen konnten, durch zusätzliche Belastungen im lockdown noch stärker betroffen waren.

Kinder leiden körperlich, seelisch und geistig unter Konflikten und Gewalt

Wissenschaftler um den Universitätsprofessor Dr. Fegert haben bereits im März vor einer sozialen Pandemie gewarnt und gefordert, dass der Kinderschutz aufrechterhalten werden muss. Vorherige Krisen haben gezeigt, dass Kinder in ähnlichen Situationen körperlich, seelisch und geistig leiden unter Konflikten und Gewalt zwischen Erwachsenen, unter direkter Gewalt, unter der sozialen Isolation, die eine emotionale Entlastung durch Freunde, Vertraute und Fachkräfte unterbindet, unter dem Wegfall und Wegbrechen von Hilfen. Es wird vermutet, dass die psychische Gesundheit von jungen Menschen gefährdet ist, dass Depressionen und Angststörungen zunehmen. Auch exzessives Spielen und Medienkonsum können zu einer Chronifizierung von suchthaftem Verhalten von Kindern führen. Besonders beeinträchtigt sind diejenigen jungen Menschen mit besonderem Förderbedarf, die in der momentanen Situation deutlich weniger Unterstützung als notwendig erhalten

Neben der Situation in ihren Familien haben sich auch die Einschränkungen im öffentlichen Leben auf die gesundheitliche Entwicklung junger Menschen ausgewirkt: Bewegungs- und Begegnungsräume, wie Spielplätze, Skateparks oder Sportstätten, konnten nicht genutzt, Kitas und Schulen nicht besucht werden, Vereine und Jugendtreffs waren geschlossen. (siehe Dossier zu Spielen, Freizeit und Teilhabe)

Auch in den kommenden Monaten ein besonderes Augenmerk auf Kinder und Jugendliche haben

Bei den gesellschaftlichen Lockerungen muss das Wohl von jungen Menschen eine zentrale Rolle spielen, denn die Zeit des lockdowns hat ihre Rechte massiv eingeschränkt. MACH DICH STARK begrüßt die schritt- und stufenweise Öffnung von Bildungseinrichtungen, von Bewegungs- und Begegnungsstätten. Es ist zudem wichtig, dass Unterstützungs- und Hilfeangebote wieder mehr Kontakt zu und Hilfe für benachteiligte und belastete Familien haben – gerade im Hinblick auf den Kinderschutz. Bundesweit gibt es für Notsituationen verschiedene Hilfetelefone. Auch in den kommenden Monaten gilt es, ein besonderes Augenmerk auf Kinder und Jugendliche zu haben und wie ihre Gesundheit verbessert werden kann.

Ansprechperson

Julia Zeilinger

Armutsexpertin

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